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Rezension


Von Joachim-Ernst Berendt, mit freundlicher Erlaubnis

Kamalesh Maitra and his Ragatala Ensemble

Die Begegnung zwischen der großen klassischen indischen Musik und europäischen Musiktechniken wurde selten so vorsichtig, so behutsam, so sensibel ins Werk gesetzt wie auf dieser Platte. Alles, was in der Tradition der indischen Musik wichtig ist, bleibt erhalten --- mit dem einen Unterschied, daß Kamalesh Maitra für sein Ragatala-Ensemble auch westliche Instrumente hinzugezogen hat: Saxophon, Klarinette, Trompete, Flöte, Violoncello, Geige, Zither, Schlagzeug… Die Musiker sind Schüler von Kamalesh Maitra. Das bedeutet: Sie haben gelernt, sich in der indischen Musik auszudrücken. Daß sie der indischen Tradition auch auf westlichen Instrumenten begegnen, hat ein faszinierendes Ergebnis: Die Musik wird herausgehoben aus ihrer nationalen und geographischen Verschiedenheit. Sie wird --- um es mit einem zeitgemäßen Ausdruck zu bezeichnen --- Weltmusik: Musik, die uns alle betrifft --- auch solche Hörer, die sich mit indischer Musik kaum je auseinandergesetzt haben --- Musik, die jenem Grunde aller Musik nachhorcht, der uns allen gemeinsam ist.
Ali Akbar Khan, der große Lehrer von Kamalesh Maitra, hat einmal gesagt: „Ob du westliche oder östliche Musik spielst, es ist alles eine Musik. Was allein zählt, ist nicht die Herkunft, sondern die Tatsache, daß Musik Nahrung ist für deine Seele.
Im Mittelpunkt dieser Musik steht Kamalesh Maitra. Er ist in der Tat einer der großen Solisten der klassischen indischen Musik: zwanzig Jahre lang Musikdirektor des bedeutenden Uday Shankar Balletts --- 1974 Mitarbeiter von Ravi Shankar in George Harrisons indischem Musikfestival --- 1976 als Solist der Tablatarang (der gestimmten Tablatrommeln) auf dem Metamusik-Festival in Berlin präsentiert --- seither in dieser Stadt lebend und lehrend.
Ich habe in den letzten Jahren auf zahlreichen Veranstaltungen und Tourneen, in denen Texte und Klänge aus meinem Buch Nada Brahma – Die Welt ist Klang vorgestellt werden, eng mit Kamalesh Maitra zusammengearbeitet. Ich weiß, wie leicht sich Musiker auf derartigen Tourneen, wenn man allabendlich in einer anderen Stadt aufzutreten hat, „festspielen“. Aber immer wieder war ich beeindruckt von Kamaleshs Kreativität und Impulsivität und der ständig sich erneuernden Kraft der Ideen und Impulse, die er zu unseren Veranstaltungen beisteuerte. Der Jazzorchesterchef Duke Ellington hat einmal gesagt: „Wie gut ein Musiker ist, kann man eigentlich erst sehen, wenn man Nacht für Nacht mit ihm in einer anderen Stadt auftritt. Das ist der härteste Test, den es gibt.“ Diesen Test besteht Kamalesh Maitra auf großartige Weise.
Das Ragatala-Ensemble --- seit 1980 bestehend --- ist unmittelbares Ergebnis von Kamalesh Maitras Berliner Arbeit und Lehrtätigkeit.
Eine Schlüsselstellung nimmt der Jazzsaxophonist Friedemann Graef ein, der mehrere Ragas und Kompositionen Maitras in kongenialer Weise mitarrangierte und gleichwohl den authentischen Charakter der indischen Musik zu bewahren verstand.
Mohan basiert auf einem Raga von Ravi Shankar. Shanta basiert auf einem alten Raga, der sich am besten für die Vormittagsstunden eignet. Ravi Shankar und Yehudi Menuhin haben ihn auf ihrer Japan-Tournee gespielt. Ranjaka ist eine moderne Komposition von Kamalesh Maitra, in der der europäische Einfluß spürbar ist, während in Dhun Ausgewogenheit zwischen den traditionellen und modernen Elementen herrscht. Gut und Böse stellt zwei Ragas einander gegenüber. Auf diese Weise kontrastieren Licht und Schatten, Tag und Nacht, Gott und Satan. Und in Shakti findet der heroische Charakter des zugrundeliegenden Ragas einen ungewöhnlich starken Ausdruck. Maitra bezeichnet die Musik dieser Platte als ein „indisches Gericht, gekocht mit europäischen Gewürzen“. Er sagt: Ich bin dankbar, daß ich als indischer Musiker nach Berlin gekommen bin und dazu beitragen kann, die beiden Kulturen zusammenzuführen. Ich bin als Hindu gekommen, ich stamme aus einer alten Brahmanen-Familie, mein Vater war Priester und Heiler. Aber seit ich in Europa bin, habe ich mich auch der europäischen Religiosität geöffnet, manchmal gehe ich sogar in eine Kirche --- als sei sie ein Tempel zu Hause in Bangladesh. Auf diese Weise geschieht in meiner geistigen Entwicklung das Gleiche, was auch in musikalischer Hinsicht auf dieser Platte geschieht.

Joachim-Ernst Berendt 1986